Lucille blieb im Zimmer, Ted zog sich mit einer Entschuldigung zurück. Jonas Wade nahm sich Zeit zu einer gründlichen Untersuchung.

»Soweit ist alles in Ordnung«, stellte er fest. Seine Stimme klang spröde. »Gute Herztöne. Der Kopf des Kindes ist in der richtigen Lage, der Muttermund ist ungefähr acht Zentimeter erweitert.« Er deckte Mary wieder zu. »Jetzt können wir nur warten.«

»Wie lange wird es dauern?«

Eine Sturmbö rüttelte am Fenster und peitschte den Regen prasselnd gegen die Scheiben. Jonas Wade schauderte unwillkürlich. »Ich weiß es nicht«, antwortete er. »Für eine Erstgeburt scheint es ziemlich schnell zu gehen. Zwei Stunden vielleicht. Mary, laß mich dich ins Krankenhaus fahren.«

Sie schüttelte nur den Kopf.

»Kann ich Ihnen etwas anbieten, Dr. Wade? Einen Kaffee vielleicht?«

»Nein danke, Mrs. McFarland.« Er nahm das grüne Bündel vom Sessel und legte es ans Fußende des Bettes. »Ich habe einen Kollegen gebeten herzukommen. Dr. Forrest. Er ist Kinderarzt. Er bringt einen Inkubator mit. Gibt es hier einen

Platz, wo wir ihn hinstellen können? Und ich habe vom Krankenhaus aus auch gleich die Krankenschwestervermittlung angerufen und eine Pflegerin bestellt .«

Wenig später läutete wieder die Türglocke, dann klopfte es recht zaghaft an Marys Zimmertür.

»Herein«, sagte Jonas Wade.

Mary war erstaunt, als sie Pater Crispin eintreten sah. Er trug eine lange schwarze Soutane und sein Birett. Seine Wangen waren rot vor Kälte, und auf dem schwarzen Stoff der Soutane glänzten Regentropfen.

»Pater!« sagte sie. »Woher wissen Sie Bescheid?«

»Ich habe ihn angerufen«, bemerkte Jonas Wade, während er das grüne Bündel öffnete.

Marys Blick fiel auf die schwarze Tasche, die der Priester trug, und sie erschrak. Pater Crispin sah es an ihrem Gesicht und kam sofort an ihr Bett. Er kniete neben ihr nieder und sah sie mit einem freundlichen Lächeln an. »Ich bin nicht gekommen, um dir angst zu machen, mein Kind, sondern um dir Trost zu spenden.«

Ihr Gesicht lief rot an, als eine schmerzhafte Wehe einsetzte. Mit zusammengebissenen Zähnen sagte Mary: »Es wird keine letzte Ölung geben, Pater -«

»Ich bin nur gekommen, um dich zu segnen und das Kind zu taufen.«

Seine Stimme klang dünn und zaghaft. Mary sah ihm aufmerksam in die kleinen dunklen Augen und war erschreckt, als sie Angst darin erkannte. Hastig stand er wieder auf und setzte sich auf einen Stuhl bei der Tür. Während er die Tasche auf seinen Schoß hob, um sie zu öffnen, warf er einen Blick zu Jonas Wade hinüber, und flüchtig sahen sich die beiden Männer mit tiefer Besorgnis an.

Die Schmerzen der Wehe ebbten ab. Mary öffnete ihre Augen. »Es dauert nicht mehr lange, Pater Crispin. Bald werden Sie Ihre Antwort haben.«

Er zog die buschigen Brauen hoch.

»Es geht los, Dr. Wade.« Mary drückte den Kopf ins Kissen. Ihr Gesicht war weiß. Die Augen waren nur noch schmale Schlitze, die Lippen zu einer dünnen Linie zusammengepreßt. »O Gott!« schrie sie laut.

Zwei Stunden sollte es noch dauern.

Lucille saß neben ihrer Tochter am Bett, hielt Marys Hände und wischte ihr immer wieder das Gesicht mit einem kühlen feuchten Tuch, während Jonas Wade das Vordringen des Kindes beobachtete.

Auch er schwitzte heftig und war dankbar für die beruhigende Anwesenheit der Mutter. Nie in seinem ganzen Leben hatte er sich so unzulänglich gefühlt; nie zuvor hatte er außerhalb des sicheren Raums eines Krankenhauses Geburtshilfe geleistet. Jonas Wade fühlte sich wie der letzte Mensch auf einer leeren Erde. Ein Gefühl tiefer Einsamkeit überfiel ihn, ein Gefühl des Alleinseins, in dem er sich nackt und preisgegeben vorkam. Er beneidete den Priester, der unablässig betete, um seinen Trost. Er selbst hatte keinen. Er hatte nur seine Instrumente, die Zange, die Spritze, das Skalpell. Sonst half ihm niemand. Keine Schwester, kein Anästhesist. Er mußte sich einzig auf seine Hände und sein Wissen verlassen.

Einmal, während Mary stöhnend, mit zusammengebissenen Zähnen sich in Wehenschmerzen aufbäumte, blickte er zu Lucille auf und sah die Frage in ihren Augen: Wird es ein gesundes und normales Kind werden? Wird es leben?

Und in der Ecke auf seinem Stuhl saß Pater Crispin und flehte Gott in verzweifeltem Gebet an, ihm die grauenvolle Entscheidung zu ersparen. Asperges me Domine hysopo, et mundabor; lavabis me, et super nivem dealbabor.

»Pressen, Mary! Pressen!«

Sie biß die Zähne aufeinander, die Adern an ihrem Hals schwollen zu blauen Strängen.

Jonas sah den Kopf des Ungeborenen, vom feuchten Haar bedeckt. Dann entspannte sich Mary, und das Köpfchen wich wieder zurück.

»Sie -« keuchte Mary, »sie kann es gar nicht erwarten, auf die Welt zu kommen.«

»Ja, Mary.«

»Sie will zu leben anfangen .«

Sancta Maria, Sancta Dei Genitrix, Sancta Virgo Virginum

»Okay, Mary. Presse noch einmal. Fest!«

Sie reckte den Hals, um zu ihrer Mutter hinaufzusehen. »Mutter ... das ist unser Wunder .«

Mater Christi ...

»Komm«, sagte Jonas Wade. »Komm Mary, gib es mir.«

Mater divinae gratiae ...

Ihr Gesicht verfärbte sich bläulich. Mit zusammengebissenen Zähnen stieß sie Laute aus, die wie das Knurren eines Tieres klangen.

»Noch mal!«

»Und ich behalte sie ...« schrie sie stöhnend und grub die Fingernägel in den Arm ihrer Mutter.

»Nicht reden - pressen, Mary! Fest! Mit aller Kraft!«

Die Öffnung erweiterte sich einen Moment lang, der weiche kleine Schädel stieß hervor und glitt wieder zurück.

Pater Crispin stand von seinem Stuhl auf und kniete nieder.

Seine Gebete wurden lauter. Mater purissima ...

Mary keuchte. Der Schweiß lief ihr in Strömen über den Körper. Sie warf den Kopf auf dem feuchten Kissen wild hin und her. »Ich kann nicht mehr!« schrie sie. »O Gott, hilf mir doch!«

»Mary, Mary, pressen!«

Mater castissima ...

Der kleine Kopf stieß durch. In Windeseile tastete Jonas Wade den Hals des Kindes ab, um sich zu vergewissern, daß die Nabelschnur sich nicht um ihn gewickelt hatte. Dann drehte er vorsichtig das Kind.

Mater inviolata!

Seine Stimme war heiser. Seine Hände zitterten heftig. »Noch einmal, Mary! Nur noch einmal, Mary, dann ist es da!« Und Gott gib, daß es sie nicht umbringt.

In einem Schwall dunkelroten Bluts glitt das Kind in Jonas Wades wartende Hände.

21


Pater Crispin sprach ein lautloses Dankgebet. Er blickte durch die milchige Plastikwand des Inkubators auf das kleine Geschöpf dahinter und dankte Gott, Maria und Jesus und allen Heiligen, daß ihm die schwere Prüfung erspart geblieben war. Er hatte keine Entscheidung über Leben und Tod treffen müssen. Mary Ann McFarland hatte ein wohlgestaltetes, gesundes Kind zur Welt gebracht, auch wenn es einen Monat zu früh gekommen war.

Er fühlte sich wie in einem Rausch. Der unerträgliche Druck der letzten Monate war plötzlich von ihm genommen worden, und jetzt fühlte er sich auf wunderbare Weise erschöpft. Vage erinnerte er sich des plötzlichen Schwalls roten Bluts. Dann hatte er die Augen zugedrückt. Er hörte ein Klatschen und dann einen Schrei, und als er die Augen wieder geöffnet hatte, hatte er gemerkt, daß er auf dem Boden kniete und seine Soutane von Schweiß durchnäßt war. Er konnte sich nicht erinnern, von seinem Stuhl aufgestanden zu sein und sich niedergekniet zu haben.

Jetzt stand er leicht vorgebeugt am Inkubator und musterte das kleine Gesicht. Er betrachtete es forschend, als suche er etwas, sah sich jedes Fältchen, jedes Grübchen und rosige Hügelchen genau an. Dann entdeckte er plötzlich, wonach er gesucht hatte, und richtete sich mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung auf.

Es gab überhaupt keinen Zweifel: Das Kind hatte schon jetzt die Augen Mike Hollands.

Auf Zehenspitzen ging er aus dem Zimmer, um Mutter und Kind nicht zu stören. Die schwarze Tasche und sein Birett in den Händen, ging er durch den Flur zum Wohnzimmer. Leise sagte er auf Wiedersehen und eilte hinaus.

Jonas Wade nahm dankend den Whisky, den Ted ihm brachte und betrachtete erstaunt und verwundert den neuen Ausdruck auf Lucille McFarlands Gesicht. Er fühlte sich ähnlich wie Pater Crispin erschöpft und berauscht.

Sie saßen im Wohnzimmer. Dr. Forrest, der Kinderarzt, hatte ihnen versichert, daß das Kind gesund und normal war, und nachdem er gegangen war, hatte Lucille ein altes Fotoalbum herausgeholt.

Die Aufnahmen zeigten Mary als Neugeborenes, einen Tag alt, in ihrem Bettchen im Krankenhaus. Sie hätten ebensogut

von dem Kind sein können, das jetzt im hinteren Zimmer lag.

»Ich verstehe überhaupt nicht mehr, wieso ich sie nicht haben wollte«, sagte Lucille leise, während sie das Foto betrachtete. »Natürlich werden wir sie bei uns behalten. Sie ist ein Weihnachtsgeschenk von Gott.«

Jonas Wade sah etwas Neues in Lucilles Augen: Mut.

Jonas selbst fühlte sich wie neugeboren. Er hatte eine weitere Prüfung bestanden. In der Rückschau wollte ihm scheinen, als sei seine dramatische Begegnung mit Mary Ann McFarland eine Folge von Prüfungen und Übungen gewesen, von denen jede dazu bestimmt gewesen war, ihn als Arzt und als Mensch auf die Probe zu stellen. Jetzt blieb nur noch eine, aber die würde er noch ein Weilchen hinausschieben. Er wollte warten, bis die McFarlands sich des Wunders, das hier geschehen war, völlig bewußt geworden waren und es akzeptieren konnten. Dann wollte er behutsam und taktvoll an sie herantreten und sie, wenn nötig, bitten, das ihre dazu beizutragen, daß zukünftigen jungfräulichen Müttern und ihren Familien das erspart wurde, was sie selbst durchgemacht hatten. Mit seiner Veröffentlichung würde er in der medizinischen Wissenschaft einen Meilenstein setzen und die Forschung in ihrem Bemühen, das Geheimnis der menschlichen Fortpflanzung zu ergründen, einen großen Schritt weiterbringen. Ja, das würde er ihnen klarmachen, und vielleicht würden sie ihm dann die Genehmigung zur Veröffentlichung seines Berichts geben.

Er sah auf seine Uhr. Er würde erst gehen, wenn die Pflegerin eingetroffen war. Er würde nach Hause fahren, Bernie berichten, den Entwurf für sein letztes Kapitel machen. Er fühlte sich herrlich beschwingt und voller Tatkraft. Vielleicht würde er sogar den Mut aufbringen, mit seiner Tochter Cortney zu reden ...

Graues Morgenlicht strömte ins Zimmer und legte zitternde fahle Muster auf den Teppich. Mary zwinkerte ein paarmal und drehte den Kopf zur Seite. Eine grauhaarige Frau in Schwesterntracht schlief in dem Sessel neben ihrem Bett.

Schwerfällig richtete Mary sich auf. Ihre Beine waren wie Gummi, der Bauch tat ihr weh. Während sie sich mühsam hochzog und die Beine aus dem Bett schwang, gingen ihr Gesprächsfetzen durch den Kopf, die sie wie durch Nebelschwaden aufgenommen hatte. »Körperlich völlig in Ordnung und gesund. Ein niedliches kleines Mädchen. Fünfeinhalb Pfund. Achtundvierzig Zentimeter«

Sie glitt aus dem Bett und hielt sich an der Kante fest, bis sie sicher stand. Dann ging sie langsam und vorsichtig zum Inkubator. Staunend und ehrfürchtig betrachtete sie das rosige kleine Geschöpf.

Es lag auf der Seite. Die Augen waren geöffnet.

Mary kniete nieder und drückte die Hände an die Plastikwand. Lange sah sie das kleine, ruhige Gesicht an. Dann lächelte sie und flüsterte: »Hallo .«

Und die hellen blauen Augen schienen sich auf sie zu richten.